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»» Eva StrittmatterEva Strittmatter (geb. 1930) Ich habe all ihre wunderbaren Gedichte nicht nur gelesen, immer und immer wieder, nein, ich habe sie verinnerlicht und lebe mit und nach ihnen, seit ich denken kann. Hier nur eine kleine Auswahl: ------------------------------
Werte Die guten Dinge des Lebens sind alle kostenlos: die Luft, das Wasser, die Liebe. Wie machen wir das bloß, das Leben für teuer zu halten, wenn die Hauptsachen kostenlos sind? Das kommt vom frühen Erkalten. Wir genossen nur damals als Kind die Luft nach ihrem Werte und Wasser als Lebensgewinn, und Liebe, die unbegehrte, nahmen wir herzleicht hin. Nur selten noch atmen wir richtig und atmen die Zeit mit ein, wir leben eilig und wichtig und trinken statt Wasser Wein. Und aus der Liebe machen wir eine Pflicht und Last. ----------------------------------- Und das Leben kommt dem zu teuer, der es zu billig auffasst. ______________________________________________________________________________________ Abendwind Ich wart auf dich im Abendwind, der weithin geht und fern beginnt, der von mir alles weiß und mehr. Was ohne Worte ist und schwer, geweint hab ich es in den Wind, der weithin geht und fern beginnt.
Glück I Erotisch gestimmte Tage. Juni. Die Nächte sind rot. Liebe und keine Frage. Herzpause. Und kein Tod.
Schuld Ach, wieviel Schuld in meinem Leben. Wer wägt gerecht die eigene Schuld? Wie schnell hat man sich selbst vergeben. Doch das Gedächtnis hat Geduld, wenn andre uns mit Gram geschlagen. Wir wissen noch nach tausend Tagen Gewicht und Preis der fremden Schuld.
Freiheit Ich kann dich lieben oder hassen- ganz wie du willst. (Kann dich auch lassen.) Und du kannst schweigen oder sprechen. Ganz wie du willst. Daran zerbrechen werd ich nicht mehr. (Ich kann auch gehn.) Ganz wie ich will, wird es geschehen.
Einsamkeit Ich wollte in der Stille sein. Bin in den Wald gegangen. Und hab mich im Spinnennetz der Einsamkeit gefangen.
Vor einem Winter Ich mach ein Lied aus Stille und aus Septemberlicht. Das Schweigen einer Grille geht ein in mein Gedicht. --- Der See und die Libelle. Das Vogelbeerenrot. Die Arbeit einer Quelle. Der Herbstgeruch von Brot. --- Der Bäume Tod und Träne. Der schwarze Rabenschrei. Der Orgelflug der Schwäne. Was es auch immer sei, --- das über uns die Räume aufreißt und riesig macht und fällt in unsre Träume in einer finstren Nacht. --- Ich mach ein Lied aus Stille. Ich mach ein Lied aus Licht. So geh ich in den Winter. Und so vergeh ich nicht. Stammbuchverse III Reden wir nicht weiter darüber: Das Leben ist, wie es ist. Jeder kriegt seinen Nasenstüber, den er nicht mehr vergisst. --- Alle sehn schrecklich ähnlich aus, wenn man genau hinsieht. Die meisten leben für ein Haus. Doch manche für ein Lied. Bitte Lasst mir das Silberfingerkraut. Lasst mir den Hasenklee. Lasst mir den kleinen Lerchenlaut. Lasst mir den Liliensee. Lasst mir den Sandweg durch die Heide. Die Kiefer und den Birkenbaum. Braucht ihr nicht manches Mal auch beide, die Weltstadt und den Weltenraum?
Rätsel III Meine Träume kennst du nicht. Meinen Namen nennst du nicht. Zwar du glaubst, dass du sie kennst. Dass du meinen Namen nennst. Doch ich träume mancherlei. Und der Namen hab ich drei. Beichte Immer die gleiche Rose. Immer das gleiche Gesicht. Unter wechselndem Monde. Unter wechselndem Licht. --- Immer die gleiche Tollheit. Immer der gleiche Traum. Immer noch keine Weisheit. Immer noch nicht: wie ein Baum.
Zeit Das Leben rinnt an mir herab wie Wasser. Die ich noch treffen wollte, sind schon tot. Ich gehe mit der Zeit um wie ein Prasser. Und morgen fehlt mir das Stück Brot. Verging Der schöne Augustmond scheint herein. Nun wird der August bald zu Ende sein. Vertan das Jahr, das schöne Jahr vertan mit Abwehr von Lebensgefahr. Alle Blumen vergeblich, die Liebe verging, der Mond bescheint mich, ein anderes Ding, ohne Seele, ohne Stimme, die Sinne nur wach: Das Zimmer, das Fenster, der Mond- aber ach. Stammbuchverse I
So: sage ich. Nimm die Sonne. Scheint sie nicht? Doch, sie scheint. Bist du gesund? Dann lebe! Wie 's dich auch plagt und peint, was alles unvollkommen, Welt, wie verworren sie ist. Hasse nicht. Leide nicht. Liebe. Denk, dass du sterblich bist. Widmung Ich würde gerne etwas sagen, was dir gerecht wird und genügt. Du hast mich, wie ich bin, ertragen und mir, was fehlte, zugefügt. --- Es ist nicht leicht, mit mir zu leben. Und oft war ich dir ungerecht. Und nie hab ich mich ganz ergeben. Du hattest auf ein Ganzes Recht. --- Doch ich hab viel für mich behalten. Und dich ließ ich mit dir allein. Und du halfst mir, mich zu gestalten und: gegen dich mir treu zu sein. Lob Ich habe ein Geheimnis entdeckt. Wir loben einander zu selten. Kinder wachsen nicht ohne Lob. Wir lassen einander nur gelten mit jener schweigenden Toleranz, die die Fremdheit zwischen uns steigert. Und jeder wartet auf das Wort. Das einer dem andern verweigert. Mitternachtssee Eine wiegt die andre Woge, Und ein Herbes bindet beide. Und durchweht die Uferweide Überm dunklen Wurzelsoge. ___________________ Ach wie silbern es da säuselt, Ach es ist ein Mondeswehen In dem Wasser, das sich kräuselt- Aber keiner hats gesehen. Selbstkritik Ich bin in schlechter Verfassung: Kein begründetes Lebensprogramm. Tägliche Unterlassung: Der Wolf verschlingt das Lamm. Das Problem ist: In mir sind beide, ich bin sowohl dies als auch das: Das Schaf auf seiner Weide und der Wolf mit seinem Hass. Gebot Nimm nicht den grauen Himmel auf, lass Frost und Schnee nicht ein und widersteh dem Jahreslauf! Was sein muss, muss nicht sein. Suche das immergrüne Kraut, die Miere, und den Duft, der seit der Kindheit in dir ist: Erde, jäh an die Luft gebracht. Grabe den Sommer aus, den Herbst und alle Frühlinge und hol sie in dein Haus.
aus: ,, Ich mach ein Lied aus Stille'' (1973) ,, Mondschnee liegt auf den Wiesen'' (1975) ,, Die eine Rose überwältigt alles'' (1977) ,,Atem'' (2004)
weitere Gedichtbände: ,,Zwiegespräch'' (1980) ,, Heliotrop'' (1983) ,, Der Schöne (Obsession)'' (1997) ,, Liebe und Hass. Die geheimen Gedichte'' (2000) ,, Der Winter nach der schlimmen Liebe'' (2005) Zur Person: Eva Strittmatter wurde 1930 in Neuruppin geboren. Sie hat sich vor allem mit ihrer Lyrik einen Namen gemacht. Im Osten Deutschlands hatten ihre Bücher Auflagen von rund 2 Millionen Exemplaren. (Im Westen wurde sie- bis auf wenige Ausnahmen- kaum zur Kenntnis genommen.) ,, Die Gedichte wachsen in mir'', sagte sie einmal. ,,Lebensfragen gehen in mir um, summieren sich, bis es zur Initialzündung- zur Anfangszeile eines Gedichtes- kommt.'' Eva Strittmatters Leser zählen nach Millionen (Übersetzungen in siebzehn Sprachen). Ihre Gedichte halten Augenblicke des Alltags fest, die einem Leben Gewicht verleihen. Und die Lebenspunkte der Dichterin sind auch die vieler Menschen. ,,Ihre Gedichte sind wahr, einfach und klar wie das Leben mit seiner Freude und seiner Traurigkeit, mit dem Glück der Liebe und der Angst vor Einsamkeit, Depression und Alter. Zum Leben gehört die Natur. Wie wunderbar ist ein Kranichzug, wie schön sind Holunder und Flieder; doch wie lange noch klingt der Gesang der Vögel, das Summen der Bienen, das Zirpen der Grillen? Eva Strittmatter findet in der lauten Welt das Leise, Bedeutungsvolle, das Wert und Bestand hat über die Zeiten.'' (Vorwort zu: ,,Einst hab ich drei Weiden besungen'') Ihre Verse sind ehrlich und aufrichtig. Die Offenheit, mit der sie ihr Inneres preisgibt, ist überaus achtenswert. Hermann Kant: ,,Wir haben diese Gedichte nötig.'' Eva Strittmatter lebt in Schulzenhof (bei Gransee).
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